Startseite1108x277px_2014_Avenio.jpg

Busfahrer und Schäfflertänzer

24. Februar 2017

Im 500. Jahr ihres Bestehens 2017 machen die Schäffler eine Ausnahme - eigentlich tanzen sie ja nur alle sieben Jahre. Fürs Jubiläum hat unser Busfahrer Christian Baumann wieder die blaue Dienstkleidung gegen sein grün-weiß-schwarz-rotes Schäfflertänzer-Gewand getauscht.

Im Glockenspiel am Marienplatz drehen sie sich täglich, die Schäfflerfiguren mit ihren roten Jacken und grünen Buchsbögen in der Hand. In der Schäfflerstraße wenige hundert Meter weiter grüßen sie ebenfalls als Miniaturen von der Hauswand. Doch einem Schäffler aus Fleisch und Blut begegnet man in München heute nicht mehr oft. Der Beruf des Fassmachers ist selten geworden.

Der Überlieferung nach entstand der Freudentanz, als 1517 eine schwere Pestzeit überstanden war. Bald gehörte er zum Brauchtum, die Regeln waren streng: Nur Münchner Schäfflergesellen, ledig und mit einwandfreiem Leumund, durften tanzen – nur einmal im Leben. Die Zunft ist jedoch rapide auf dem Rückzug. Eine letzte Fabrik gibt es noch in München, die seit 1914 Wein- und Bierfässer aus Eiche baut. Ehrensache, dass alle Mitarbeiter beim Schäfflertanz aktiv sind. Dennoch reicht das nicht ganz: 25 Mann in historischen Kostümen braucht es, um alle sieben Jahre für gut vier Wochen das Handwerksbrauchtum wieder aufleben zu lassen. So kommt es, dass der Busfahrer Christian Baumann (auf den Fotos rechts) derzeit wieder zum Schäfflertänzer wird.

Eine schwindende Zunft
Seit 1963 dürfen deshalb auch Zunftfremde mittanzen. Zu ihnen gehört Christian Baumann, der sich in seiner Freizeit für Tradition und Brauchtum begeistert. Das ist der Ausgleich zum Beruf, den er vor allem hinterm Lenkrad verbringt. Christian Baumann arbeitet seit 1987 als Busfahrer in München. Noch länger, nämlich schon seit 1982, ist er Schäfflertänzer, und seit Jahren auch 2. Vorsitzender des Fachvereins der Schäffler Münchens. Immerhin, das Fassmacher-Handwerk ist ihm nicht ganz fremd: 1935 tanzte sein Vorfahre, Inhaber einer Pasinger Fasswerkstätte, bei den Schäfflern mit. Die Schäfflerei gibt es heute nicht mehr. „Durch das Alufass ist die Zunft fast kaputt gegangen“, erklärt Christian Baumann.

Tausche Blau gegen Bunt
Wenn die Schäfflertanz-Termine anstehen, wird die blaue Dienstkleidung der MVG gegen grüne Kappe, rote Jacke, Lederschurz, schwarze Kniebundhose und weiße Strümpfe getauscht. Vor hunderten Schaulustigen treten 20 Tänzer, zwei Reifenschwinger, zwei Kasperl und ein Fähnrich auf. 22 Minuten dauert ein Tanz, dessen Abschluss immer der Reifenschwung ist: Nur mit dem Zeigefinger wird dabei der Holzreifen in Bewegung gesetzt. Die gefüllten Gläser im Reifen dürfen dabei nicht überschwappen. „Das klappt auch – fast immer“, meint Christian Baumann.

Für ihn hat die Saison schon mit dem Training Monate vorher begonnen. „Das ist mit viel Schweiß verbunden!“ Erst im März bekommen ihn die Bus-Kollegen wieder in Dienstkleidung zu Gesicht. Diese könnte bis dahin etwas zu groß geworden sein: In so mancher Saison hat er durch den Tanzmarathon diverse Kilos an Gewicht verloren.

Alle Termine: http://www.schaefflertanz.com/termine

Fotos: Kerstin Groh

Eine erste Version dieses Artikels war in der MVG Linie 8 Nr. 4/2011 zu lesen - vor der letzten Schäfflertanzsaison 2012.