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Wer zum Marienplatz will, schaut die Wand an

Pink spielt im vollbesetzten Olympiastadion eine Show, die ihre Fans begeistert. 60.000 Zuhörer sind an diesem Juliabend im Stadion, außen herum noch einmal rund 5.000 Zaungäste. Alle wollen nach dem Konzert nach Hause, nahezu gleichzeitig und die meisten mit der U-Bahn.

In einem U-Bahnzug haben, je nach Zugtyp, ungefähr 900 Fahrgäste Platz. Das gilt aber nur, wenn die Züge geordnet besetzt werden, die Fahrgäste an allen Türen einsteigen und der Bahnsteig nicht überfüllt ist. Dafür sorgen 50 Männer und Frauen, die als Verkehrsmeister, U-Bahnwachen und Sicherheitskräfte den Abtransport regeln.

Die Ruhe vor dem Sturm
Einer von ihnen ist Christian Popp. Er liebt Veranstaltungen, wie das Konzert von Pink. „Am Anfang siehst du eine schwarze Wand auf dich zukommen, dann erkennst du die Menschenmasse und bist auf einmal mittendrin. Nach knapp zwei Stunden fragst du dich, wo die alle hin sind“, erzählt der 33-Jährige. 2013 hat er als Verkehrsmeister bei der MVG angefangen, ein Jahr später wurde er zum Einsatzleiter befördert und seit 2018 ist er Teamleiter, Ausbilder und Koordinator für Großveranstaltungen, wie Konzerte und Fußballspiele.

Nur die Wiesn, die überlässt er anderen, wie seinem Ausbilder, Norbert Grünleitner. „Von dem hab‘ ich sehr viel gelernt. Ich fertige auch genauso ab, wie die Kollegen an der Theresienwiese – und manchmal lachen die Fahrgäste wie aus heiterem Himmel los“, sagt Popp zufrieden. Noch herrscht Ruhe vor dem Sturm. Es blitzt, leichter Wind kommt auf. Teamleiter Popp trommelt alle seine Leute zusammen, sie werden eingeteilt, das genaue Vorgehen besprochen.

OZ4 – Es geht los.
Dann beginnt es leicht zu regnen. Und ganz plötzlich geht es los. „Wir beginnen mit dem Abtransport, alle auf Position“, ruft Christian Popp über den Eingangsbereich des U-Bahnhofs. Zuerst kommen auch die Fahrgäste nur tröpfchenweise. „Das sind jetzt die ersten Zaungäste“, erklärt Popp. Und dann kommt die schwarze Wand, von der er gesprochen hat.

Gemeinsam mit einem Kollegen hat er vor ein paar Jahren begonnen, die Veranstaltungen zu kategorisieren: in Fußball, Messe und Veranstaltungen. Jede Kategorie hat nochmal verschiedene Unterkategorien, die die Anzahl des Personals, der U-Bahnzüge, sowie die Taktung vorgeben. Heute heißt die Kategorie OZ4, übersetzt „Stadion am Wochenende“. Das bedeutet mindestens 30 externe Sicherheitskräfte und acht Einsatzwägen zur Verstärkung auf den Linien U3 und U8.

 

Mittlerweile reicht die Menschenmasse, die zum Eingang des Bahnhofs strömt, bis zur knapp 100 Meter entfernten BMW Welt. Trotzdem dauert es nur zehn Minuten vom Anstellen bis zum Bahnsteig. „Bitte nicht drängeln! Einen kurzen Moment Geduld, der Bahnsteig ist gerade kurz gesperrt“, schallt es durchs Megaphon. Verkehrsmeisterin Carolina steht mitten in der Masse auf einer Plattform und informiert die Fahrgäste, warum sie gerade stehen. Die Bahnsteigsperre dient der Sicherheit, die bei zu vielen Fahrgästen im Untergrund nicht mehr gewährleistet wäre. Die Verkehrsmeisterin weist auch auf die Verstärkerbusse hin, die auf der gegenüberliegenden Straßenseite vor dem BMW-Werk abfahren. Sie bringen Fahrgäste, die zur U6 in Richtung Norden wollen über den Frankfurter Ring bis zur Studentenstadt.

„Jetzt wird’s kuschelig!“
Die meisten aber wollen runter, zur U-Bahn, mit der U3 Richtung Marienplatz oder der U8 Richtung Hauptbahnhof. Christian Popp steht ganz vorne am Bahnsteig und hat ein Mikrofon in der Hand: „Wenn ich kurz nicht Obacht gebe, haben wir gleich eine Verstopfung. Bitte alle zur Bahnsteigmitte durchgehen“, tönt es über den Bahnsteig. „Jetzt wird's kuschelig!“

Dann fährt die U-Bahn ein, die Fahrgäste stehen dicht gedrängt. „Einen Schritt zurück, die Köpfchen rein, 150 Tonnen U-Bahnzug klatschen ordentlich“, warnt Popp mit sympathischem Sarkasmus. Dass er damit den richtigen Ton trifft, bestätigt spontaner Applaus. Die Wartenden lachen – und bekommen über die Lautsprecheranlage noch einen leicht zu verstehenden Hinweis, damit sich auch keiner verfährt: „Wer zum Marienplatz will schaut die Wand an, wer zum Hauptbahnhof will, schaut die Säulen an.“