Startseite1108x277px_2014_Kunden_3.jpg

Wofür sind die schwarzen Rillen im Boden?

19. Mai 2014

Wer in letzter Zeit am Hauptbahnhof mit einem Rollkoffer vom Zug zur U-Bahn wollte, dem ist es sicher aufgefallen: Im neu renovierten Zwischengeschoss gibt es am Boden dunkle Streifen mit Rillen, die den flotten Gang nebst Koffer einbremsen können. Doch wofür sind die Rillen eigentlich da,

 die längs und quer durch das ganze Geschoss führen? Etwa um Menschen mit dünnen Schuhsohlen eine gratis Fußmassage zu bieten? Oder ist es eine Architektenidee, um auch den Boden aufzupeppen? Nicht ganz. Hinter den Rillen am Boden steckt ein viel sinnvollerer Nutzen: Sie dienen als Teil des taktilen, also ertastbaren Leitsystems. Damit können sich blinde oder sehbehinderte Menschen in großen Gebäuden ohne fremde Hilfe zurechtfinden, auch wenn es keine anderen Orientierungshilfen, etwa durchgängige Mauern, gibt.


Die „Rippen“, die zwischen den dunklen Rillen im Boden erkennbar sind, können mit dem Langstock, den Blinde zur Orientierung nutzen, ertastet werden. Durch den Kontrast zwischen der Rippenspur und den Bodenplatten können auch Passanten, die schlechter sehen, die Rippen als Orientierung annehmen. Der Rippenstreifen führt sie so durch das Gebäude. Er ist dabei erhaben genug, um ihn mit dem Blindenstock zu erfühlen und trotzdem flach genug, damit andere Fahrgäste, die mit Rollstuhl, Kinderwagen oder Rollator unterwegs sind, durch die Rippen nicht über Gebühr beeinträchtigt werden.

Zwischendurch gibt es besondere Stellen mit „Noppen“, die zudem aus anderem Material bestehen. Dadurch kann der Unterschied zu den Rippen nicht nur in der Struktur ertastet, sondern durch das Berühren mit dem Stock auch akustisch wahrgenommen werden. Dies zeigt den tastenden Fahrgästen: Achtung, hier muss man aufmerksam sein! Entweder geht es hier zu Treppen, wo besondere Vorsicht geboten ist, oder es steht eine Abzweigung an. In diesem Fall spricht man von Abzweigfeldern. Je nachdem, in welcher Position die Rippen auf dieses Feld hinführen – mittig oder rechts bzw. links des Abzweigfelds –, zeigt es die verschiedenen Abbiegemöglichkeiten an.


Eine weitere Komponente des taktilen Leitsystems findet man an Treppen-Handläufen. Am Beginn des Geländers ist ein Wegweiser zu finden – sowohl in Brailleschrift, also der Blindenschrift in Punkten, als auch in Profilschrift, also in konventioneller, aber erhabener Schrift, die auch Sehende lesen können. Neben der Information, zu welchen Zielen die Rippenspur führt, findet man hier auch eine abgekürzte Wegbeschreibung. Durch die Anweisung L-G weiß der Tastende zum Beispiel, dass er an einem Abzweigfeld erst links und dann geradeaus muss, um das angegebene Ziel zu erreichen. Allerdings ist der Platz auf den Schildern begrenzt. Wenn Sie also zwischendurch mal nach dem rechten Weg gefragt werden, helfen Sie bitte so gut als möglich weiter.

Sehenden fallen die Hilfsmittel des taktilen Leitsystems kaum auf – außer eben mit Rollkoffer oder Kinderwagen. Allen Menschen, deren Sehvermögen eingeschränkt ist, helfen sie jedoch sehr, um sich auch möglichst ohne Hilfe fremder Leute orientieren zu können.