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Wie kommt die neue Tram auf die Schiene?

19. Februar 2015

Feine Sache: Alle acht Exemplare des Tramtyps Avenio (intern: T1) sind seit ein paar Wochen im München-Einsatz. Auf der Linie 19 können sich die platzstarken Neulinge nützlich machen.

Die MVG schult nach und nach ihre rund 400 Straßenbahnfahrer für den neuen Zug – einer der Neuen ist daher immer ohne Fahrgäste, aber mit der Beschriftung "Fahrschule" im Netz unterwegs. Währenddessen hatte ein Leser unseres Blogs eine ganz grundsätzliche Frage: Wie kommt die neue Straßenbahn überhaupt auf die Münchner Schienen? Gute Frage, haben wir uns gedacht und die Fachleute der MVG für die Beschaffung und Inbetriebnahme des Avenio gefragt.

Und so läuft das Ganze ab: Nachdem die MVG die Avenios bestellt hat, beginnt der Hersteller Siemens mit der Fertigung. Anders als beim Auto bauen Tramhersteller nicht auf Vorrat. Straßenbahnen sind kein Massenprodukt, sondern individuelle Anfertigungen, denn jedes Straßenbahnnetz hat seine Eigenheiten. Das bringt geringe Stückzahlen und hohe Kosten mit sich: Die Münchner Order umfasste acht Fahrzeuge, Den Haag hat 40 Avenios bestellt – diese allerdings in Schwarz-Rot.

Schon vor dem offiziellen Start kommen die Züge ganz schön rum: Seine ersten Fahrten absolviert der Avenio auf dem Testgelände des Herstellers im nordrhein-westfälischen Wildenrath. Stück für Stück werden die fertigen Züge im Anschluss von Wien nach München gebracht – der erste Avenio Ende Oktober 2013, der letzte im Frühjahr 2014.

Zunächst fährt die Straßenbahn mit dem Schwerlaster, denn eine Tramschienenverbindung zwischen Hersteller und Verkehrsunternehmen gibt es nicht. Vorab gilt es einiges zu organisieren: Der Liefertermin wird abgesprochen, damit bei der MVG die Mitarbeiter für die Entgegennahme eingeteilt sind. Zudem muss der Hersteller eine polizeiliche Genehmigung für die Strecke und den Zeitraum des Transports einholen. Und schließlich wird der fast 37 Meter lange und knapp 48 Tonnen schwere Zug über eine Schienen-Rampe per Seilwinde auf den Tieflader gehievt. Der Transport startet nachts, um noch vor dem frühen Stoßverkehr bis München zu gelangen. Der Tieflader soll mit seinen fast 40 Metern Gesamtlänge möglichst wenig anderen Verkehrsteilnehmern in die Quere kommen – dennoch wird er in dieser Nacht verwunderte Blicke von anderen Fahrern auf der Autobahn ernten. Ob es daran liegt, dass die Werkarbeiter in Wien dem Avenio zum Abschied ein lächelndes Gesicht auf die Verpackung geklebt haben?

Knifflig wird es auf den letzten Kilometern in der Stadt: Bei Kurven oder engen Kreuzungen ist Rangierarbeit notwendig. Hierfür stellt die Polizei eine Eskorte. Um die Straßenbahn in ihr neues Zuhause, den Trambetriebshof, zu verfrachten, sperrt die Polizei den entsprechenden Abschnitt der Einsteinstraße. Der Tieflader muss rückwärts in den Betriebshof einfädeln. Dafür steht er zeitweise quer über beide Fahrbahnrichtungen und auf den Tramschienen (Fotos: Wolfgang Wellige). Drinnen angekommen, wird der Tieflader hydraulisch in Schräge gebracht. Dann werden die Bremsen der Tram gelöst – und sie gleitet, von der Seilwinde gehalten, über die Rampe direkt auf die Schienen. Willkommen!

Die Mitarbeiter im Trambetriebshof verpassen dem schon im Münchner Design lackierten Avenio den letzten Schliff. Sie bringen das Münchner Kindl an, die MVG Beklebungen im Innenraum und die Wagennummer. Damit ist das MVG Branding perfekt. Vor dem Fahrgasteinsatz stehen aber noch Testfahrten in München an, tags und nachts, auf verschiedenen Strecken, gerade, kurvig und mit Gefälle. Liegen alle Nachweise und Genehmigungen vor und sind auch von Herstellerseite die notwendigen Nachbesserungen umgesetzt, dann folgt die Zulassung der Technischen Aufsichtsbehörde.

Tieflader zu fahren scheint dem Avenio zu gefallen: Kurz vor Start steht noch ein Ausflug nach Berlin an. Auf der Fachmesse für Schienenverkehrstechnik Innotrans wird der neue Fahrzeugtyp bewundert. Zurück in München, wird es am strahlend-sonnigen 17. September 2014 so richtig ernst für ihn: Los geht's in den Linienbetrieb! Spätestens jetzt zeigt sich: Nicht nur Tieflader fahren kann der Avenio gut – er ist mit seinem komfortablen Fahrverhalten, acht Türen für den schnellen Aus- und Einstieg sowie viel Extraplatz im Innenraum eine echte Bereicherung für das Münchner Straßenbahnnetz.

Weiterlese-Tipp: Details und Fotos zur Fertigung und Anlieferung des Avenios gibt es auch auf www.tram-muenchen.de