Startseite1108x277px_2014_Avenio.jpg

"Ich bin doch kein Kartoffelsack!"

06. März 2017

Ersen Tekin (30) ist Rollstuhlfahrer und meistens mit dem Bus unterwegs. Das funktioniert in der Regel gut, nur ab und zu gibt es Schwierigkeiten: Weil Fahrgäste sich vordrängeln, weil der Einstieg nicht klappt oder einfach, weil im Bus nicht mehr genug Platz ist.

Damit auch die Busfahrer mobilitätseingeschränkte Fahrgäste besser verstehen lernen, gibt es Fahrerschulungen zusammen mit Rollstuhlfahrern. Diesmal ist Ersen Tekin mit dabei. Er ist eingefleischter Bayern-Fan. In die Fußball-Arena nimmt er stets die U-Bahn: "ich bin bei jedem Spiel des FC Bayern!" sagt der Rollstuhlfahrer. Für den Verein Rollwagerl e.V., der den barriererfreien Zugang zum Stadion gewährleistet, ist er auch als Botschafter unterwegs. Im Alltag fährt er vor allem Bus. Denn Ersen Tekin ist ein umtriebiger Typ. Der 30-Jährige unterstützt auch die MVG. Er zeigt an einem Schulungstag für Busfahrer, was im Umgang mit Menschen im Rollstuhl besonders zu beachten ist.


Da findet Dialog auf Augenhöhe statt: Rollifahrer Ersen Tekin (links) hat an einem Schulungstag Busfahrer sensibilisiert. Nasiri Homayun (rechts) nahm für den Perspektivwechsel im Rollstuhl Platz.

Mit Respekt und auf Augenhöhe
Ersen Tekin erklärt den Busfahrern das Wichtigste zuerst: " Bitte senkt das Fahrzeug ab und klappt die Rampe aus, sonst kann ich nicht einsteigen. Wenn der Winkel zu steil ist, wird es wirklich schwierig." Einige Fahrer setzen sich in den Übungsrollstuhl und probieren es aus: Als sie mit eigener Kraft über die Rampe in den Bus fahren wollen, scheitern sie - die Kollegen müssen helfen. Auch beim Aussteigen gibt es etwas zu beachten: "Es fühlt sich nicht gut an, wenn der Rollstuhl rückwärts zu stark gekippt wird", sagt ein Fahrer.

Hilfe anbieten ist gut
Ersen Tekin hat noch etwas auf dem Herzen, das für alle gilt: "Hilfe anbieten ist gut. Aber wartet bitte erst ab, ob der Rollstuhlfahrer sie auch annehmen möchte." Manchmal schieben ihn Leute ungefragt. "Aber ich bin doch kein Kartoffelsack! Ich möchte respektvoll behandelt werden." Bei der Schulung gibt es regen Austausch: Ein Fahrer fragt, wie man sonst noch helfen kann. Und Ersen Tekin erwidert: "Nachfragen, wo der Rollstuhlfahrer aussteigen will." Ein anderer Fahrer erklärt: "Oft sind die Busse so voll, da passt kein Rollstuhlfahrer mehr mit rein." Ersen Tekin versteht das: "Wenn ihr mir das wenigstens erklärt, ist das für mich in Ordnung."


Mit ein bisschen Hilfe geht's immer besser: Ersen Tekin mit Fahrlehrer David Schwaiger.

Alle wollen mit
Ariane Sauer, Beauftragte für Mobilitätseingeschränkte bei der MVG, ergänzt: "Es wollen eben alle mitfahren: Eltern mit Kinderwagen, Senioren mit Rollatoren - hier geht es am besten mit gegenseitiger Rücksichtnahme. Wenn alle mithelfen, müssen Rollstuhlfahrer seltener zurückgelassen werden. Barrierefreiheit und die Belange unserer mobilitätseingeschränkten Fahrgäste nehmen wir ernst. Deshalb pflegen wird einen regen Austausch mit dem Behindertenbeirat und bieten auch Schulungen für mobilitätseingeschränkte Fahrgäste an, etwa für Blinde und Senioren."

Wie können Fahrgäste also helfen? Ersen Tekin sagt: "Manchmal reicht es schon, wenn alle zusammenrücken. Dann komme ich noch in den Bus." Was ihn nervt? Er muss lachen. "Wenn ich jemanden bitte, mich in die U-Bahn zu schieben, und derjenige fragt: "Wie denn?". Dann sagt ich: 'Einfach schieben'." Den roten Elektrorollstuhl nennt Ersen Tekin übrigens liebevoll seinen Ferrari."

Mehr Infos zu MVG Schulungen gibt es auf mvg.de unter "MVG Projekte".

Mehr Miteinander
Im Bus kann es schon mal eng werden, wenn viele mitwollen. Mit gegenseitiger Rücksichtnahme geht es besser. Und auf die Platzproblematik haben wir reagiert: In den neuen Bussen gibt es geräumige Multifunktionsbereiche, wo sich zwei Klappsitze hochklappen lassen. An der zweiten Tür ist ein zusätzlicher Stellplatz für Rollstuhlfahrer. Trotzdem bleibt es dabei: Der Platz ist begrenzt.