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Beruf: "Schutzengel unter Strom" - ein Fahrerinterview

29. Januar 2018

Was Sie schon immer übers Trambahnfahren wissen wollten, aber nie zu fragen wagten... können Sie jetzt in einem Buch nachlesen. Geschrieben hat es Thomas Bosch, 46 Jahre alt. Er ist seit 2013 Trambahnfahrer bei der MVG.

Thomas Bosch wollte eigentlich schon Mitte der 1990er-Jahre gern Fahrer werden. Weil damals aber keine Ausbildung angeboten wurde, war er stattdessen lange im Sicherheitsdienst beschäftigt und arbeitete auch als Redakteur, bis er vor ein paar Jahren endlich doch seinen Lieblingsjob bei der MVG bekam. Mit so manchem, was der Fahrdienst-Alltag allerdings mit sich bringt, hat er aber selbst wohl vorher nicht gerechnet. Einiges davon hat er nun aufgeschrieben - und wir haben unseren Kollegen zu seinem Buch interviewt. 

Thomas, wie bist du auf die Idee gekommen, deine Erlebnisse im Fahrerstand aufzuschreiben?

Grundsätzlich könnte jeder meiner Kollegen genauso ein Buch schreiben. Diese Erlebnisse  - lustige, schräge, traurige und tragische - gehören zum Job dazu. Ich wollte aber nicht nur unterhalten, sondern auch sensibilisieren und aufklären. Deshalb wechseln sich die Kapitel der Anekdoten, die sogenannten "Praxistage", mit Hintergrundinfos zum Betriebsalltag ab. Trambahn-Fachmann Klaus Onnich hat alles auf Korrektheit geprüft, und Kollegen, die es gelesen haben, bescheinigen mir: Genau so ist es.

Am Ende des Buchs heißt es: "Entspannt Trambahn fahren – so geht's". Brauchen Fahrgäste dafür echt eine Anleitung?

Interessanterweise gibt es zwei Kategorien von Fahrgästen: die Profis, mit denen man so gut wie nie Stress hat. Und die, die sich anstellen. Dazwischen gibt es fast nichts. Und weil die, die sich anstellen, nicht in erster Linie mich damit nerven, dass sie Verspätungen verursachen, sondern allen Mitfahrern und Wartenden schaden, helfen die Tipps vielleicht allen. Es ist schon erwünscht, dass sich da der eine oder andere angesprochen fühlt.

Was, findest du, hat sich im Vergleich zu früher am stärksten verändert?

Das Verhältnis der Leute zum Thema Zeit. Was sind schon fünf Minuten? Aber die Erwartung, dass alles minutengenau laufen soll, schüren wir als Verkehrsunternehmen auch mit unseren Echtzeitanzeigern, die ja in Wirklichkeit Prognosen zeigen. Im Stadtverkehr spielt halt zu viel mit, was der Anzeiger nicht vorhersagen kann.

Die zweite Veränderung ist leider ein Empathie-Verfall: Die Zahl der Leute, die aufeinander achtgeben, sinkt. Und die Rücksichtslosigkeit geht durch alle Gesellschaftsschichten.

Das klingt traurig. Hast du ein Beispiel?

Schockiert hat mich der gut trainierte junge Mann, der bequem in der ersten Reihe hinterm Fahrerstand saß. Und der nicht einsah, warum er aufstehen sollte, als ein gebrechliches altes Ehepaar einstieg und ihn bat, den Platz zu bekommen. Die Frau ging am Stock, sie konnte sich kaum auf den Beinen halten! Trotzdem hat der Kraftprotz den Sitzplatz erst unter Protest freigemacht, nachdem der Ehemann mich um Hilfe gebeten hatte. Zumindest hat er bei der Weiterfahrt gscheit was von den anderen Fahrgästen zu hören bekommen…

Es ist halt so: Die meisten Leute sind in Ordnung, ein Prozent Deppen gab's schon immer. Weil aber die Stadt wächst, ist auch die Zahl der Deppen gestiegen.

Hast du noch mehr aus der Kategorie "Man glaubt es nicht"?

Fasziniert hat mich, dass eine junge Frau, die in die Tram eingestiegen ist, einfach ihren Hund draußen vergessen hat. Das arme Tier rannte immer nervöser vor der geschlossenen Tür hin und her. Gemerkt hat die Besitzerin das erst, als ich zum zweiten Mal über Lautsprecher gefragt habe, ob jemandem der Hund vorm Zug gehört.

Sportlich am beeindruckendsten war ein Radler im Lehel: Als er sah, dass vor ihm an der haltenden Tram eine Frau vor der Tür stand und die Hand hob, warf er sein Rad zu Boden, hechtete zur letzten Tür, stieß sich dabei den Knopf, aber erwischte den Öffnen-Knopf. Allerdings wollte die Frau gar nicht einsteigen – sie hatte sich eben von ihrer Freundin in der Tram verabschiedet.

Abgesehen von solchen Slapstick-Erlebnissen: Was gefällt Dir an deinem Job?

Ich liebe einfach das Trambahnfahren. Und ich mag auch den Umgang mit den Leuten, ich fahre gern den alten Tramtyp R2 (Foto unten) ohne Abtrennung zum Fahrgastraum. Ich erkläre auch gern! Nur habe ich selten Zeit dazu, Erklären ist im Fahrplan nicht vorgesehen. Natürlich würde sich jeder Fahrer mehr Wendezeit wünschen, aber man muss es auch bezahlen können, wenn dafür ein Zug mehr auf die Strecke muss. Und beim Fahrpreis hört bekanntlich der Spaß auf.

Was ist dein dringlichster Wunsch an alle Fahrgäste?

Definitiv: nicht in der Tür stehen. Damit wäre so viel gewonnen. Es regt mich richtig auf, wenn eine Zeitung wieder den "Gentleman" lobt, der der heraneilenden Dame die Tramtür aufhält. Der ist kein Kavalier, der ist einfach rücksichtslos – aber man bekommt es aus den Köpfen nicht raus! Interessant übrigens: Wenn die letzte Tür defekt und versperrt ist, fährt es sich gleich viel besser im Zeitplan…

Thomas Bosch: "Schutzengel unter Strom. Trambahnfahrer in München: Kein Job für schwache Nerven", ISBN 978-3-7450-2390-9.

Das Buch kann man auch über die Website des Autors bestellen: www.thomas-bosch.de