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Das längste Fahrgeschäft der Wiesn

30. September 2015

Norbert Grünleitner liebt die Wiesn. Zum Oktoberfest ist der Glaspavillon auf dem Bahnsteig im U-Bahnhof Theresienwiese für zwei Wochen sein Arbeitsplatz, und das schon seit 18 Jahren. Er ist dort der Einsatzleiter. Ein anstrengender Job, der Erfahrung und Routine erfordert.

Der 48-jährige Ebersberger Norbert Grünleitner hält hier alle Fäden in der Hand, er koordiniert die beteiligten Kollegen und dirigiert mit lockeren Ansagen die Fahrgast-Massen. Mehr als drei Millionen Besucher kommen jedes Jahr mit der MVG zur Wiesn. Es herrscht Ausnahmezustand!

Der Pavillon dient während des Oktoberfests als Büro, Einsatzzentrale und Aufsichtskanzel. Bilder von Videokameras aus wichtigen Wiesn-Bahnhöfen wie Goetheplatz und Hauptbahnhof zeigen dem Einsatzleiter, wo gerade wie viele Menschen unterwegs sind. In Echtzeit sieht er auf einem elektronischen Netzplan, wo sich die U-Bahnzüge genau befinden. Und über Funk sind alle Einsatzkräfte stets vernetzt. Doch um tatsächlich alles unter Kontrolle zu haben und die Stimmung zu fühlen, dreht Norbert Grünleitner auch Runde um Runde durch den U-Bahnhof; er hält dabei Augen und Ohren offen – und hilft den Fahrgästen nebenbei bei Fragen weiter.


Während der Wiesn zieren die orangenen Warnwesten der MVG Mitarbeiter solche Accessoires.

Lustige Sprüche auf Lager
Natürlich ist Norbert Grünleitner auch selbst als Ansager in der Kanzel aktiv. Die lustigen Sprüche sind dabei Mittel zum Zweck: Die Fahrgäste – auch jene, die nicht mehr ganz nüchtern sind – sollen gerne zuhören, sich flott über den gesamten Bahnsteig verteilen und möglichst rasch ein- und aussteigen. Nur so gibt es genug Platz für alle – und der U-Bahnbetrieb gerät nicht ins Stocken. Spätestens wenn die Zelte schließen, droht der Bahnhof allerdings aus allen Nähten zu platzen. Bis zu 15 Mal pro Abend lässt Grünleitner die Eingänge dann kurzzeitig sperren, um Überfüllungen zu vermeiden. Sicherheit hat immer oberste Priorität.

Showmaster und Verkehrsmeister
Natürlich ist Norbert Grünleitner kein Einzelkämpfer. Er hat vier Kollegen, die auch mal das Mikro übernehmen. Alle haben sie schon viele Oktoberfeste hinter sich – und immer noch Spaß an der Sache, zum Beispiel Verkehrsmeister Sepp Hirtreiter, der mit dröhnendem Bass einen der Klassiker ins Mikro spricht: „Jetzt fährt ein, meine Damen und Herren, das längste Fahrgeschäft der Wiesn! Es ist 100 Meter lang und hat 18 Türen.“ Freilich müssen nun erst einmal die ankommenden Fahrgäste aussteigen. Hirtreiter ruft die Massen am Bahnsteig zur Ordnung: „Des is koa Gassn, des is höchstens a Trampelpfad.“ Aber auch Lob verteilt er freigiebig: „Des macht‘s ihr super!“



Ingwer für die Stimme
Bis zu 75 Mitarbeiter sind pro Tag zusätzlich für die MVG im Einsatz, allein im U-Bahnhof Theresienwiese: Ob U-Bahnwache, Reinigungskräfte, Servicemitarbeiter oder Fahrer – sie alle haben für zwei Wochen Urlaubssperre. Dass zur Wiesn-Zeit alles ein bisschen anders ist, merkt man auch an ganz kleinen Dingen: An ihren Warnwesten tragen einige Mitarbeiter kleine Anstecker aus Holz, im Pavillon hängen Lebkuchenherzen und Plastikrosen vom Schießstand. „Das bekommen wir von den Bedienungen nach Schichtende geschenkt. Oder auch von den Fahrgästen, die schätzen, dass alles rund läuft“, erklärt Verkehrsmeister Harry Neumann. Heiratsanträge soll es auch schon gegeben haben. Gegen den alljährlich grassierenden Wiesn-Virus hat Norbert Grünleitner übrigens ein wirksames Hausmittel für sich entdeckt: Jeden Morgen eine Scheibe Ingwer essen. Und was macht er an seinen arbeitsfreien Tagen? Er grinst: „Da geh ich natürlich auf die Wiesn, was sonst?“

 

Weitere interessante Hintergründe, Wissenswertes, Kurioses und Lustiges rund um die Wiesn findet ihr übrigens auch in der Blogparade von München.de