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Archäologisches Fundstück

18. September 2017

21. Jahrhundert trifft Mittelalter: Hinter der gläsernen Fassade des neuen MVG Kundencenters am Marienplatz sticht dem Passanten derzeit ein ungewöhnlicher Gegenstand ins Auge: Er ist aus Holz, hat Löcher und ist wie ein Schiffchen geformt. Dahinter hängt eine sehr alte Stadtkarte.

Was es damit auf sich hat? Bei dem Objekt handelt es sich um einen Fischkasten aus dem 13. Jahrhundert. Die Archäologische Staatssammlung kam aufs hochfrequentierte MVG Kundencenter zu, weil es nur einen Katzensprung vom Fundort entfernt liegt. Der Fischkasten wurde bei Ausgrabungen 2011/12 am Marienhof gefunden, die vor den Bauarbeiten zur zweiten Stammstrecke stattfanden. 


Oben: Der Fischkasten an der Ausstellungsfläche im MVG Kundencenter am Marienplatz. Und aus der Nähe:


Foto: Archäologische Staatssammlung München, Stefanie Friedrich.

In dem rund zwei Meter langen Kasten bewahrten Fischer damals in den Münchner Stadtbächen lebendige Fische auf und verkauften sie direkt daraus heraus. Der Fischkasten ist aus robustem Erlenholz geschnitzt. Er wurde vermutlich mit Halterungen am Ufer verankert und ließ sich so leicht hinein- und wieder herausheben. Die kleinen Löcher sorgten dafür, dass Wasser durch den Kasten durchfließen konnte. 

 
Foto: ReVe, Büro für Archäologie Bamberg.

Gut konservierter Glücksfund 
Dr. Brigitte Haas-Gebhard arbeitet in der Archäologischen Staatssammlung. Das Spezialgebiet der Archäologin ist alles, was vom Mittelalter bis in die jüngste Vergangenheit reicht. Sie erklärt: „Das ist das älteste Exemplar eines Fischkastens, den wir in München jemals gefunden haben, ein richtiger Glücksfund.“ Im Mittelalter gab es in der Isar und in den Stadtbächen meist karpfenähnliche Fische wie die sogenannten Nasen oder lachsartige Huchen. Warum der Fischkasten so gut erhalten ist, hat einen ganz bestimmten Grund: Er ist, so erklärt die Archäologin, einfach in eine Latrine, also in eine Toilette, geworfen worden. „Dort wurde er außergewöhnlich gut konserviert und ist soweit intakt.“ 

Keine Mülltrennung im Mittelalter 
Nach seinem Fund haben Restauratoren den Fischkasten behutsam getrocknet und haltbar gemacht, auch eine Antischimmelbehandlung bekam er. Aber wie gelangte er überhaupt in die Latrine? Die Archäologin erläutert: „Im Mittelalter gab es ja keine Müllabfuhr, da wurde alles in die Latrine geworfen. Man fand in demselben Schacht übrigens auch das Skelett einer ganzen Kuh.“ Noch bis 23. November ist der historische Fischkasten im MVG Kundencenter zu sehen. Schaut unbedingt vorbei! 


Einer der Münchner Stadtbäche, in dem der Fischkasten gelegen haben könnte: Der Pfisterbach, gesehen von der Lederergasse, heutige Sparkassenstraße. Aquarell, 1897. Münchner Stadtmuseum.

Wer sich für weitere Ausgrabungsgegenstände vom Marienhof interessiert, die den Münchner Alltag vom Mittelalter bis zum Zweiten Weltkrieg eindrucksvoll dokumentieren, der kann sich ab dem 29. November 2017 die Ausstellung „Archäologisches Schaufenster: Funde vom Marienhof“ im Münchner Stadtmuseum am Jakobsplatz ansehen oder mehr über die Archäologische Staatssammlung erfahren: www.archaeologie-bayern.de und www.archaeologie-muenchen.de