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50 Jahre: Das ist der älteste Münchner Gelenkbus

07. August 2017

Münchner Nahverkehrsfans kennen den historischen MAN-Gelenkbus mit der Wagennummer 145 bereits: Er war von Beginn an Ausstellungsstück im MVG Museum. Das Museum feiert heuer immerhin seinen 10. Geburtstag. Mitfahren im historischen Gelenker konnten Besucher bislang nicht.

Seit dem 7. Juni 2017 ist das anders: Der Oldtimer hat jetzt seine Zulassung für den Fahrgastbetrieb wiederbekommen. Zwischen der aktiven Münchner Zeit des Busses in den 1960er- und 70er-Jahren (siehe Foto nebenan) und seinem zweiten Leben zurück in der bayerischen Landeshauptstadt liegen Jahrzehnte voller Hochs und Tiefs. 1965 gebaut, war der Bus bis 1976 im Alltagsbetrieb bei den Stadtwerken München im Einsatz, schwerpunktmäßig auf der Linie 52, die sich bis heute übrigens gar nicht sehr verändert hat.

Erst mit Schaffner - dann mit Entwerter

Ein Blick zurück in die damalige Zeit: Mit dem Verbot von Bus-Anhängern im Personenverkehr Mitte der 1960er-Jahre brauchten die Verkehrsbetriebe Alternativen  das waren die großräumigen Gelenkbusse. Die ersten Exemplare vom Typ MAN / Göppel 760 UO2G, Baureihe "Metrobus", rollten ab 1962 durch München  ab 1965 auch unser heutiger Oldie mit der Wagennummer 145. Im Laufe seiner Betriebszeit wurde er mehrmals umgebaut. So erhielt er im Vorgriff auf den Einmannbetrieb (zu der Zeit hatte jeder Bus noch einen Schaffner mit an Bord) eine Türautomatik. Mit dem Ende des Schaffnerbetriebs wurde dann der Schaffnersitz ausgebaut und durch eine normale Sitzbank ersetzt. Dafür kamen Fahrscheinentwerter und eine Kasse beim Busfahrer hinzu. Bis zu 44 Busse vom Typ 890 UG M 16 A prägten zwei Jahrzehnte lang das Stadtbild, der letzte wurde 1977 ausgemustert. 

Das letzte Exemplar seiner Serie

Nach seiner Ausmusterung wurde der knapp 17 Meter lange Gelenkbus an einen Privatunternehmer in Hessen verkauft. Dieser lackierte ihn um und setzte ihn noch bis 1988 im Schülerverkehr ein. Die meisten weiteren Busse dieser Serie hatten kein zweites Leben. Sie mussten verschrottet werden, gleich nachdem die Stadtwerke sie ausgemustert hatten: An den verkaufsbereit unter dem "Tatzelwurm" in Freimann stehenden Busse hatten Unbekannte die Scheiben eingeschlagen. Dass noch ein Exemplar dieser Serie überlebt haben könnte, dachte niemand  bis im Juni 1988 Wolfgang Weiß, Gründer des OCM, den Hinweis bekam, dass in Hessen nahe Marburg an der Lahn noch ein Gelenkbus im Einsatz sei. Wolfgang Weiß, damals 20 Jahre jung, fuhr nach Hessen und beschloss, den Bus zu kaufen  für 250 D-Mark.

Die Stoßstange aus München mitgebracht, der Motor ausgetauscht: So schaffte es der Bus 1989 bis nach München.

Der Zustand des Fahrzeugs war freilich Mitleid erregend: Sein Farbkleid war nicht mehr weiß-blau, sondern orange-braun, die Inneneinrichtung komplett umgebaut, den jahrelangen Schülerverkehr sah man ihm deutlich an. Die Stoßstange war durch einen Unfall verbogen, der Nachläufer hing durch. Ein Jahr Abstellung im Freien hatte dem Bus etliche zusätzliche Durchrostungen beschwert, zudem war ein Motorschaden zu beklagen. Wie sollte er also zurück nach München gelangen? Die jungen Mitglieder des OCM ließen sich nicht entmutigen: Sie organisierten in der Heimat einen Stellplatz, kauften 1989 einen moderneren Bus mit passendem Motor und reisten mit diesem nach Hessen. Mit ihrer Begeisterung für den Oldtimer, der damals mit stolzen 24 Jahren älter als seine Käufer war, blieben sie nicht allein: Den Motortausch führte die damalige MAN Nutzfahrzeuge AG in Marburg kostenlos durch, um den Erhalt dieses Busses zu unterstützen.

Abenteuerfahrt über 500 Kilometer

Mit neuem Motor schaukelte der Bus tatsächlich über Landstraßen von Hessen nach Bayern (Foto unten). "Es hat kaum einer geglaubt, aber wir kamen an", freut sich Wolfgang Weiß im Rückblick.

Fotos oben und unten: Auf dem Weg zum Betriebshof und endlich angekommen ...

Zurück in der Heimat pflegte der OCM den Bus 13 Jahre lang. Er bekam einen festen Platz im Trockenen, wurde regelmäßig bewegt und gewartet. An eine Komplettrestaurierung war jedoch lange nicht zu denken  zu teuer waren die veranschlagten Kosten. 

Erste Teilrestaurierung in Erfurt

Ab 2002 konnte zumindest die optische Instandsetzung realisiert werden. Der 1. Oldtimer-Club Erfurt e.V. hatte sich bereit erklärt, den Bus teilweise mit ehrenamtlichen Kräften instand zu setzen, der ehemalige NEOPLAN-Geschäftsführers Konrad Auwärter gewährte dem OCM ein Darlehen zur Finanzierung der Materialkosten. Mitte Dezember 2002 fuhr der älteste Gelenkbus Münchens – störungsfrei aus eigener Kraft! – aus der bayrischen in die thüringische Landeshauptstadt. Knapp fünf Jahre lang wurde der Bus anschließend in Erfurt teilrestauriert.

Blick in den Innenraum: Überraschenderweise haben die Münchner Beklebungen aus den 1970er-Jahren auch die Einsatzzeit in Hessen überdauert.

Im Frühjahr 2007 waren die  Arbeiten soweit abgeschlossen, dass er auf der Oldtimermesse "Retro Classics" in Stuttgart präsentiert werden konnte. Anschließend kehrte der Bus in seine Heimat zurück. Seit der Eröffnung des MVG Museums im Herbst 2007 stand der Oldie – von kurzen Unterbrechungen abgesehen – bis Mitte 2014 als Schmuckstück in der Ständlerstraße 20. 

Und noch ein Blick in den Innenraum: Mit der Restauration ist der Zustand des Gelenkbusses von 1972 wieder hergestellt.

Selbst dort blieb sein Dasein jedoch nicht frei von Aufregung: So musste der Bus für eine Veranstaltung im MVG Museum im Februar 2012 über Nacht nach draußen ziehen. Dass ausgerechnet in dieser Nacht ein Eisregen über Ramersdorf niederging, tat seiner Lackierung gar nicht gut – sie blätterte fortan.

Endlich: die Komplettherstellung

Einige kleinere und größere Instandsetzungen in Eigenregie später, wagte der Omnibus-Club im Juni 2014 den letzten teuren Schritt: Er gab die Komplettrestaurierung in Auftrag. Zwei Firmen aus Hessen wurden beauftragt, eine spezialisiert auf Karosseriebau, die andere auf Fahrzeugtechnik. Die notwendige Summe wurde durch Einnahmen aus der Busvermietung sowie die großzügige Spende eines Vereinsmitglieds ermöglicht. Alles zusammengenommen stecken nun 150.000 Euro in dem Schmuckstück.

Drei Jahre später – im Juni 2017  kehrte der älteste erhaltene Münchner Gelenkbus und zugleich der älteste erhaltene MAN-Gelenkbus schließlich zum dritten Mal in seine Heimat zurück. Zwölf Stunden dauerte seine Heimfahrt  ausschließlich über Landstraßen mit der Höchstgeschwindigkeit 61 km/h. "Younger than ever", jünger denn je  dieses Kompliment gilt auch für den Oldtimer, der sich jetzt in einem hervorragenden Zustand befindet. Und mit der wiedererlangten Straßenverkehrszulassung darf er auch wieder zu historischen Fahrten unterwegs sein  in seiner Stadt, die er schon seit 1965 kennt. 

Glücklich über die zweite Jungfernfahrt des Oldies zurück im Fahrbetrieb: OCM-Gründer Wolfgang Weiß (re.) und Andreas Stohl.

Mehr Infos zum OCM, der auch historische Busse vermietet: www.omnibusclub-muenchen.de